Kolumbus im Urteil der Zeitzeugen. Kosmograph oder Bibelforscher?
Der sterbende Kolumbus - Gemälde in Valladolid
Kolumbus und seine Wissenschaft. Er glaubte, er sei auf Westkurs bergauf gesegelt und habe sich dem Himmel genähert. Sa kam es, dass er sogar das Paradies erspäte. Sein Freund Pietro Martire hält solche Erkenntnisse für Märchen. In 19. Jahrhundert geht das Märchenerzählen weiter. Jetzt hat er sogar die Kugelgestalt der Erde entdeckt.
Die Erde ist eine Birne

Kolumbus starb am 20. Mai 1506 in Valladolid im festen Glauben, er habe Indien erreicht. Kein Chronist registrierte sein Ableben, kein Vertreter der Krone würdigte irgendwelche Verdienste oder Talente. In den gedruckten Berichten über die Entdeckung erscheint Kolumbus über Jahrzehnte in Lebensgröße. Es folgen sämtliche Aussagen, die mit seinen Fähigkeiten und seiner Ausbildung zusammenhängen:

ELOGIA, VENEDIG, 1504:

Ein in maritimen Sachen erfahrener Mann.

POLYGLOT PSALTER, Genua, 1516:

Christophorus mit Beinamen columbus ... in Knabenjahren in den Grundelementen erzogen, wandte sich als junger Mann maritimen Werken zu.

Pietro Martire, Gelehrter am spanischen Hof, war nach eigener Auskunft mit Kolumbus befreundet und konnte die Berichte einsehen, die Kolumbus für die Krone verfasst hatte. Seine Schrift DE ORBE NOVO DECADAS wurde ab 1516 in Spanien gedruckt. Der Leser erfuhr Erstaunliches über die Weltsicht von Kolumbus:

Er vermutet, die Erde sei nicht kugelrund, sondern habe die Gestalt einer Birne angenommen. Und Paria sei die Gegend, wo sich die Ausbuchtung befände, welche dem Himmel näher sei. Er behauptet auch ernstlich, der Späher im Mastkorb habe in der Ferne das irdische Paradies gesehen ... Doch genug davon, weil mir diese Ansicht wie ein Märchen klingt.

Die Märchen sind keine Erfindung. 1498 teilt Kolumbus in seinem Bericht über die dritte Reise den spanischen Hoheiten mit:

Ab einer Entfernung von hundert leguas (rund 600 Kilometer) westlich von Portugal ... erheben sich die Schiffe sanft zum Himmel ... Das sind große Hinweise auf das irdische Paradies.

Der alternde Kolumbus hat sich bemüht, die Wissenschaft mit derart eigenwilligen Erkenntnissen zu bereichern. Leider hat die Nachwelt praktisch keine Gelegenheit, sie angemessen zu würdigen. Die mit dem Gegenstand befasste Zunft neigt nämlich zu Unterschlagungen, wenn etwas nicht in ihr Konzept vom großen Entdecker passt. Die eigenwilligen Beiträge zur Kosmografie, die Kolumbus ab 1498 zu Papier brachte, sind nur in Quellensammlungen publiziert worden. Ebenso hält es keiner der in diesem Buch zitierten Autoren für angebracht, seine Leser mit den nüchternen Einschätzungen des Hofgelehrten zu irritieren. Der Gelehrte erkannte auch sofort, dass der spanischen Krone etwas bis dahin Unbekanntes zugefallen war, nannte es eine Neue Welt und war begeistert. Den Entdecker selbst hält er nicht für überragend:

Er war wie sein Bruder Bartolome ein erfahrener Seemann.

In den ersten Jahrzehnten nach der ersten Expedition im Jahr 1492 weisen die Autoren Kolumbus also keine besonderen Fähigkeiten oder Kenntnisse zu. Später behauptet Fernando Colón, sein Vater habe in Pavia studiert. Obwohl Fernando in seiner HISTORIE erkennbar alles darauf anlegt, Kolumbus über den grünen Klee zu loben, halten viele moderne Biografen das für glaubhaft. In den Akten der Universität Pavia gibt es keinen Hinweis. Kolumbus selbst behauptet es auch nicht.

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