Entdeckung, Amerika, Kolumbus, Erster, Entdecker, Neue Welt - das Vokabular einer Schönschreibung Kolumbus als Kreuzfahrer
Mit diesen Worten kann man keinen wahren Satz bilden

Jedenfalls nicht im Rahmen einer seriösen Geschichtsschreibung. Eine Neue Welt entdeckt? Als hätten die angetroffenen Bewohner keine "Welt" gehabt. Aslbald, nach ihrer Zerstörung, hatten sie tatsächlich keine mehr. Ersetzt wurde sie durch die mitgebrachte Welt, also keine neue. Erster war Kolumbus tatsächlich in einer Hinsicht: Er war nämlich der erste Kolonialherr, der auf Haiti nach blutigen Kämpfen ein ausbeuterisches Regime errichtete. Zur Verschleierung dieser Untat, mit der der größte Landraub aller Zeiten begann, dient etwa der Satz: Kolumbus hat Amerika entdeckt - Jedes abendländische Kind kann den diesen Satz aufsagen. Er ist auch kindgemäß, weil es sich um ein Märchen handelt. An dem Satz ist außer „hat" kein Wort wahr. „Amerika" ist falsch, weil der Kontinent noch nicht so hieß. Das „entdeckt" ist falsch, weil man von Menschen bewohntes Land nicht entdecken kann. Gefunden hatten den Kontinent die Vorfahren der Bewohner, die die Spanier antrafen. Der Satz würde wäre also nur wahr, wenn man die Bewohner nicht als Menschen ansieht. Könnte man wenigstens sagen „Für das Abendland entdeckt"? Auch nicht, weil Wikinger den Kontinent nicht schon vorher besucht hatten. Das ist durch Funde belegt. Diese tüchtigen Seefahrer waren Christen und insofern Abendländer. Also ist das erste Wort in jedem Fall falsch. Und das letzte auch in zweiter Hinsicht, weil wir mit „entdecken" eine schöpferische Leistung verbinden. Infolge der Größe des Kontinents ist es unvermeidlich, auf Westkurs über den Atlantik auf ihn zu treffen. Christopher Kolumbus (Cristobal Colon) hat in Gomera (Kanarische Inseln) den Befehl erteilt, genau Kurs West zu segeln, und nur einmal leicht korrigiert, weil ihm ein Kapitän (Pinzon) dazu riet. Das war die ganze „Leistung" des „gossen Seemanns".

Lag im Weg

Während die Christenheit bis heute heilfroh ist, dass da unerwartet ein schöner großer Batzen Land lag, den man sich aneignen konnte, war Kolumbus weniger glücklich. Was da vor ihm lag, lag ihm im Weg. Er wollte eigentlich auf Westkurs Japan, China und sogar Indien erreichen. Die Idee war ungut, denn diese Länder lagen viel zu weit weg, um sie mit dem mitgeführten Proviant zu erreichen. Sie wären erst in Japan oder China auf Land gestoßen, in einer Entfernung von rund 24.000 Kilometern. Geschafft hatten sie mit Mühe etwa 5.000. Insofern hat „Amerika" sie gerettet.

Er wollte Amerika nicht entdecken

5.000 Kilometer, das lag in der Größenordnung einiger publizierter (falscher)Schätzungen über die Größe des zu überquerenden Ozeans. So glaubte Kolumbus nach der Landsichtung, er habe Japan erreicht, und kurz darauf notiert er, er habe sich China genähert. Die dortige Zivilisation war von Marco Polo beschrieben worden, und Kolumbus suchte verzweifelt nach Hinweisen auf dieselbe, wenn auch vergeblich. Trotzdem behauptet er in allen hinterlassenen Briefen an die spanische Krone, er habe Asien und am Ende sogar Indien erreicht. In diesem Glauben ist er auch verstorben. Der Satz, nachdem Kolumbus Amerika entdeckt habe, ist also auch nach Ansicht von Kolumbus falsch.

Die Welt verkleinert, bis es passte

Dass Asien von Europa aus auf Westkurs über das Meer erreichbar sie, galt schon Philosophen in der Antike wegen der Kugelgestalt der Erde als sicher. Abweichend waren Messungen und Annahmen über den Umfang der Erde und der Größe des Ozeans zwischen Europa und Asien. Fast alle mit dem Thema befassten Autoren schätzen den eurasischen Kontinent als zu groß ein und damit den Ozean als zu klein - 135 Breitengrade am Äuqator. Auch die Zeitgenossen von Kolumbus. Ebenso falsch war die von den meisten Autoren für richtig gehaltene Umrechnung eines Breitengrades in römische Meilen. Standartwerk war die YMAGO MUNDI von Pierre d'Ailly (1350-1420), Bischof von Cambrai. Gedruckt ab 1480. Er schreibt

... Alfraganus und andere, die mit Meilen rechnen, geben 56 2/3 für ein Grad an. Dann misst der Umfang der Erde 20.400 Meilen ...

Tatsächlich sind es etwa 27.000 Meilen. Alfraganus, ein arabischer Wissenschaftler, hatte richtig gemessen, aber sein Ergebnis natürlich in arabischen Meilen angegeben. Die abendländischen Gelehrten glaubten, es handele sich um römische. Tatsächlich erstreckt sich ein Grad über etwa 75 Meilen. D'Ailly gibt auch die Einschätzung von Marinus wieder, nach der sich der Ozean zwischen Europa und Asien über 135° erstreckt. In Meilen also 135 x 56 2/3. Demnach waren rund 7.500 Meilen zurückzulegen. Das war der Stand der Wissenschaft. Kolumbus behauptet, der Florentiner Gelehrte Toscanelli habe ihm vor der Expedition einen Brief mit einer Karte des Ozeans zugesandt. Im Nachlass wurde nur der Brief gefunden. Darin wird die Entfernung zwischen Europa und Asien mit etwa 6.000 Meilen angegeben. Als einzuschlagender Kurs ergibt sich WEST von den Kanarischen Inseln. Wenn das mit dem Brief und der Karte stimmt, folgte der angebliche Erfinder des Plans einfach den Angaben des Florentiners. Hinterher hat Kolumbus solange neu gerechnet, unter anderem mit Zuhilfenahme der Bibel, bis der die Strecke herauskam, die die Flotte tatsächlich gesegelt war. Also bestand seine Leistung als „Wissenschaftler" darin, die falschen Annahmen der damaligen Kosmografen soweit herunterzurechnen, bis die Entfernung zu seiner Behauptung passten, er habe Asien erreicht. Er ging dabei übrigens soweit, den falschen Wert 1 Breitengrad=56 2/3 Meilen habe er selbst gemessen. Indessen hat er nie behauptet, die Idee, die Erde sei eine Kugel und man könne Asien auf Westkurs erreichen stamme von ihm. Er hätte sich damit lächerlich gemacht.

Kein Neuerer


Aus alle dem wird klar: Kolumbus war unter keinem Aspekt ein Mann neuer Ideen. Er benutze die Erkenntnisse anderer, und fügte keine neuen hinzu. Ihm daraus einen Vorwurf zu machen, wäre unfair. Immerhin war er der erste, der die spanische Krone zu überzeugen konnte, eine Expedition zu finanzieren. Kein Verdienst sicherlich aus der Sicht der Bewohner des Kontinents. Sein Geschick lag offensichtlich m Bereich des Kaufmännischen. Der Gründungsmythos von „Amerika" sieht das anders. Vor allem die US-Bürger angelsächsischer Herkunft feiern die „Entdeckung" am Columbus-Day. Sie legen wert darauf, die Tat sei von einem „Neurer", einem Mann des Fortschritts vollbracht worden. Sie sehen sich selbst als solche. Auch kein Vorwurf, aber ihr „Entdecker" ist ein Mythos, der mit dem realen Kolumbus nichts zu tun.




Christobal Colon wie ihn die frühe Geschichtsschreibung sah: Mit Schwert, Gewehr und Kreuzfahne. Dazu passt, dass er einen Kreuzzug nach Jerusalem plante. Ihn als Eroberer zu feiern war damals kein Problem. Im 19. Jahrhundert wurde es eins. "Amerika", die "Neue Welt" sollte sich nicht auf die Taten einen rückschrittlichen Rohlings gründen. Sondern auf das wissenschafliche Vorgehen eines "Neuerers", eines Manns des Fortschritts, eines großen "Entdeckers". Ganze Horden vo Biografen traten an, ihn zu einem solchen hochzustilisieren. Bis das "neue" abendländische Gewissen beruhigt war.
Columbus cruel
Kolumbus lässt auf Haiti spanische Widersacher hinrichten, die ihm die Herrschaft streitig machen. De Bry, Americae, 1590
Kolumbus Feldherr
Kolumbus ging nicht nur mit großer Brutalität gegen die Tainos auf Haiti vor, die sich gegen ihre Unterdrücker zur Wehr setzten, auch bei Kämpfen mit seinen spanischen Widersachern kannte er kein Pardon. De Bry.
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