Kolumbus und die Kugelgestalt der Erde
Kolumbus wird seit dem 19. Jahrhundert in allen Lebenslagen mit Globus dargestellt, als habe er die Kugelgestalt der Erde entdeckt. Die Legende hat der Washigton Irving in die Welt gesetzt. In seinem Buch über Kolumbus verklärt der Amerikanist die sogenannte Entdeckung zur wissenschaftliche Großtat. Zu diesem Zweck lässt er seinen Helden in einer dramatischem Szene mutig gegen bornierte Kleriker antreten, die die Kugelgestalt ablehen. Diese Sichtweise machte Schule. Im Jahr 2003 hat das französische Meinungsforschungsinstitut PSA 1000 Europäer gefragt, welche Persönlichkeiten ihnen am europäischsten vorkämen. Hinter Leonardo da Vinci landete Kolumbus auf Platz zwei. Kein Wunder, er hat ja das Weltbild revolutioniert. So etwa die US-Botschaft Wien:

Im XV. Jahrhundert dachten die Menschen noch, die Erde wäre eine Scheibe ... Wer es wagte zu denken, die Welt habe Kugelgestalt, wurde verlacht oder in den Kerker geworfen.

Verlautbarung zum Columbus-day, seit 1937 staatlich sanktionierter Feiertag, seit 1971 am zweiten Montag im Oktober begangen. Nicht ganz so weit geht Simon Wiesenthal in SEGEL DER HOFFNUNG, Ullstein, 1991:

Noch zu Zeiten des Columbus hat sich der Gedanke von der Erdkugel nicht ganz durchgesetzt. Die Meinung der Kirche war geteilt. Columbus wusste: Wenn ihm seine Expedition gelingt, dann hat er den Beweis erbracht, dass die Erde eine Kugel sei.

Die Legende wirkt weiter. Unabhängig vom Bildungsgrad haben fast alle von mir befragten Mitmenschen dem Satz zugestimmt:

Kolumbus hat herausgefunden, dass die Erde eine Kugel ist, und keine Scheibe, und bornierte Kleriker haben ihm widersprochen.

Kolumbus ist zwischen dem, was er für Asien hielt und Spanien immer nur hin und hergesegelt, was sich auch auf einer Scheibe bewerkstelligen ließe. Trotzdem hielt eine Minderheit sogar diesen Satz für zutreffend:

Kolumbus hat bewiesen, dass die Erde eine Kugel ist.

Tatsächlich gab es die Vorstellung von der Welt als Erdkreis mit Jerusalem in der Mitte. Entsprechende Miniaturen zeigen, dass es sich nur um ein Sinnbild handelt, um Gläubigen die Orientierung zu erleichtern und nicht Reisenden. Hier lauert ein Nebenprodukt der Aufklärung, die Rede vom finsteren Mittelalter. Einen kurzen Seeweg nach Asien gefunden zu haben, glaubte Kolumbus bis zu seinem Ableben. Dass er die Kugelgestalt der Erde entdeckt habe, behauptet er selbst nicht. In einem Brief an die Krone schreibt er 1498:

Ich habe immer gelesen, dass die Erde, Festland und Wasser, die Form einer Kugel habe. Das behaupten die glaubwürdigen Berichte von Ptolemäus und allen anderen, die darüber geschrieben haben ...

Richtig. So stand es auch in den schon gedruckten Büchern. Strittig war nur der Umfang der Erde.

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