Kolumbus und die Kugelgestalt der Erde Kolumbus mit Globus
Im 16. Jahrhundert wird Kolumbus mit Kreuzfahne, Schwert und Gewehr gezeigt, im 19. Jahrhundert in allen Lebenslagen mit Globus - als habe er die Kugelgestalt der Erde entdeckt.


Schon immer eine Kugel

Einen kurzen Seeweg nach Asien gefunden zu haben, glaubte Kolumbus bis zu seinem Ableben. Dass er die Kugelgestalt der Erde entdeckt habe, behauptet er selbst nicht. In einem Brief an die Krone schreibt er 1498:

Ich habe immer gelesen, dass die Erde, Festland und Wasser, die Form einer Kugel habe. Das behaupten die glaubwürdigen Berichte von Ptolemäus und allen anderen, die darüber geschrieben haben ...

Ab 500 vor Christus stand für die antiken Gelehrten die Kugelgestalt außer Frage. Schon Aristoteles hielt es für möglich, auf Westkurs die bis dahin bekannten Regionen im Osten zu erreichen. Alle nach ihm mit der Materie beschäftigten äußerten sich ähnlich. Claudius Ptolemäus (etwa 100-160 n.Chr.) führte die größte Neuerung ein. Er stellte mit Hilfe der von ihm und anderen gesammelten Angaben von Reisenden einen Katalog mit den Koordinaten bekannter Städte, Küsten, Gebirge, Flüsse etc zusammen (Längen und Breiten) und beschrieb eine Methode für die Erstellung einer Kugelprojektion. Die GEOGRAPHIA des Ptolemäus wurde 1475 zum ersten Mal gedruckt, eine nach seinen Daten und Anleitungen erstellte Weltkarte erschien 1482 in Ulm. Die Kugelgestalt war also unstrittig. Die in der Antike von Europa aus bereiste, als bekannt und bewohnt erachtete Welt wurde Ökumene genannt. Alle Fachgelehrten nahmen bis Ende des 15. Jahrhunderts an, der Rest der Welt werde von einem Ozean bedeckt. Es gab diverse Erzählungen über Inseln, und man hielt ihre Existenz für gesichert, ohne ihre Lage zu kennen. Ptolemäus zitiert aus einer nicht mehr erhaltenen Schrift des Marinus von Tyros, der aus Reiseberichten Daten über Längen und Breiten gesammelt hatte:

Marinus gibt die Länge zwischen den beiden Meridianen, welche die Ökumene begrenzen, mit 15 Stunden an.

Eine Stunde entspricht 15° (360°/24). Ost-Westausehnung der Ökumene demnach 15 mal 15° = 225°. Bleiben für den Ozean 135°. Ptolemäus korrigierte einige Ausgangsdaten von Marinus mit dem Resultat:

Die Ökumene erstreckt sich über 12 Stunden.

Also über 180°. Ozean demnach ebenfalls 180°. Tatsächlich erstreckt sich der eurasischen Kontinent, in etwa die Ökumene, nur über rund 100°. Die Reisenden hatten also in ihren Notizen die zurückgelegten Wegstrecken stark überschätzt, wohlmöglich der Strapazen wegen.

Zwei Messungen

Um 1230 fasste ein Lehrer an der Universität von Paris den Stand der damaligen Erkenntnisse zusammen: Johannes de Sacrobosco in seinem TRACTATUS DE SPHAERA. Als Manuskript kopiert galt das Buch seitdem als Standartwerk. Gedruckt wurde es 1487 in Venedig. Sacrobosco meldet zwei astronomische Messungen:

Gemäß ... Eratosthenes beträgt der Umfang der Erde 252.000 Stadien. Dem 360 Teil des Kreises sind 700 Stadien zugewiesen.

Eratostenes hatte um 220 vor Christus die mittägliche Abweichung der Sonnenhöhe zwischen Alexandria und Assuan gemessen. Abweichung rund 7°, bekannte Wegstrecke rund 4.900 Stadien, Ergebnis also: 1 Grad = 700 Stadien auf dem Großkreis. Heute gehen die Experten davon aus, dass mit dem damals ortsüblichen Stadion gemessen wurde, zu 300 königlichen ägyptischen Ellen zu 0.525 m. 700 x 360 x 300 x 0.525 = 39.690.000 Meter. Das kommt den 40.000 Kilometern sehr nahe, die man sich in der Schule merkt. Sacrobosco rechnete aber wie seinerzeit üblich mit 8 römischen Meilen (1,48 Kilometer) pro Stadion und kam so auf 31.500 Meilen. Statt rund 27.000 Meilen. Sacrobosco gab auch den Bericht des arabischen Gelehrten Alfraganus (Al-Farghani gest. nach 861) über eine zweite Messung weiter. Die Methode, verkürzt: Man nehme mit einem Astrolabium in einer klaren Nacht die Höhe des Polarsterns, bewege sich in Richtung Norden bis er genau ein Grad höher steht, und zähle die Schritte. Alfraganus selbst:

So finden wir, dass auf der Himmelssphäre genommen auf einem Großkreis der Wert für ein Grad 56 2/3 Meilen beträgt, jede Meile zu 4.000 schwarzen Ellen, wie zur Zeit von al-Ma'mun (Kalif) festgestellt wurde.

Arabische Autoren nehmen an, Alfraganus habe mit einer Elle zu 0.489 m gerechnet. Das ergäbe rund 2 Kilometer pro arabischer Meile und 113 Kilometer pro Grad, statt rund 111. Sacrobosco übernahm die 56 2/3 Meilen pro Grad, hielt sie aber für römische zu 1,48 Kilometer. Auch der Autor des nächsten Standartwerkes, ein leibhaftiger Bischof, blieb bei dieser falschen Umrechnung, also 56 2/3 Meilen statt rund 75 Meilen pro Grad auf dem Großkreis. Stand der Wissenschaft: Laut den Spekulationen von Aristoteles, Seneca, Plinius und anderer war der Ozean sehr klein. Die Messungen zweier Pioniere moderner Wissenschaft ergaben ein anderes Bild. Kombiniert man die Ergebnisse von Eratostenes und Ptolemäus (120°), ist der Ozean am Äquator größer als 15.000 Meilen.

Der große Plan und der Bischof

YMAGO MUNDI von Pierre d'Ailly (1350-1420), Bischof von Cambrai. Gedruckt ab 1480. Der Autor fasst zusammen, was antike, jüdische, christliche und arabische Gelehrte zum Thema beigetragen hatten. Sofern Kolumbus als Jüngling tatsächlich an der Universität von Pisa studiert hat, wie sein Sohn behauptet, wäre er in der Bibliothek sicher fündig geworden. Und hätte alsbald die Antwort auf eine Frage erhalten, die ihn angeblich schon umtrieb: Laut Aristoteles ist der Ozean sehr klein, und laut Seneca kann er in wenigen Tagen überquert werden. Der Bischof ist der Ansicht, dass es etwas länger dauern würde. Er geht zunächst von den 700 Stadien pro Grad des Eratostenes aus:

Laut dem Autor der SPAERA ist das mit 360 zu multiplizieren, womit wir auf 252.000 Stadien für den Umfang der Erde kommen, das entspricht 31.500 Meilen.

Zuviel also. Um so kühner das Unterfangen, das d'Ailly ins Auge fasst, allerdings offensichtlich zu Fuß oder zu Pferd:

Man kann, wenn man 20 Meilen pro Tag zurücklegt, die Erde in 1.570 Tagen umrunden.

Einige Kapitel weiter bringt d'Ailly eine Korrektur an:

Bestimmte Autoren messen mit Stadien, wie bereits erwähnt. Aber Alfraganus und andere, die mit Meilen rechnen, geben 56 2/3 für ein Grad an. Dann misst der Umfang der Erde 20.400 Meilen ...

D'Ailly gibt auch die Einschätzung von Marinus wieder, nach der sich der Ozean zwischen Europa und Asien über 135° erstreckt. In Meilen also 135 x 56 2/3. Demnach waren rund 7.500 Meilen zurückzulegen. Bei günstigem Wind waren mit den damals gebräuchlichen Karavellen durchschnittlich 100 Meilen am Tag vorstellbar, aber 75 Tage lag über offenes Meer zu segeln eher nicht. Trotzdem impliziert der Vorschlag des Bischofs den großen Plan.

Dilemma der Biografen

Kolumbus hat die YMAGO MUNDI tatsächlich benutzt, die Frage ist nur, wann und wozu. Die Mehrheit der Biografen behauptet, im Rahmen von kosmografischen Studien, die er vor der Reise betrieben habe. Auf diesen Studien müssen sie bestehen, denn sie lassen Kolumbus dann als Gelehrten auftreten, der die Berater der portugiesischen und spanischen Krone weit überragte. Aber Achtung, hier droht ein Dilemma. Wenn Kolumbus den großen und weltbewegenden Plan an Hand der YMAGO MUNDI ausgearbeitet hat, wäre eigentlich der Bischof der Hochzulobende. Der übliche Ausweg: Von Studien nur ganz allgemein reden und auf keinen Fall die Anregung zu Weltumrundung erwähnen.

Zurück