Die Meuterei auf der sogenannten Santa Maria fand nicht statt


Kolumbus: Kein Aufstand

DIARIO: Mittwoch 10. Oktober. Er segelte nach West- Südwest ... Hier konnten es die Leute nicht länger ertragen und beklagten sich über die lange Reise. Aber der Admiral ermunterte sie so gut er konnte und gab ihnen die gute Hoffnung auf den Nutzen, den sie haben würden.

Klartext also im DIARIO: Sie beklagten sich. Keine andere Rede von einem irgendwie gearteten Aufbegehren. Aber wir haben doch gelernt, dass Kolumbus eine regelrechte Meuterei niederschlug, allein gegen alle? Richtig. In ADMIRAL OF THE OCEAN SEA beschreibt Samuel Eliot Morison die Ereignisse vom 10. Oktober so:

Am 10. Oktober ... flammte die schwelende Unzufriedenheit zur offenen Meuterei auf. Sie hatten genug getan und mehr als genug, die Schiffe sollten und mussten umkehren. Diese Meuterei beschränkte sich auf das Flaggschiff, obwohl die Mannschaften der Niña und Pinta ebenso begierig waren, zurückzukehren. An Bord der Santa Maria waren engstirnige und besserwisserische Basken und Galizier, und für die Mannschaft war der General-Kapitän ein Ausländer.

Werft ihn ins Meer?

Morison und die Mehrheit seiner Kollegen berufen sich auf Fernando Colón. HISTORIE, allerdings schon zum 25. September:

Alle diese Zeichen fruchteten nichts, die Männer wurden immer unruhiger und furchtsamer. Sie trafen sich in Verstecken des Schiffs und sagten, der Admiral habe sich mit seiner wirren Fantasie entschlossen, sich zu einem großen Herrn zu machen, mit ihrem Leben und ihrem Risiko, bei dem Versuch zu sterben. Und da sie ihre Pflicht zur genüge getan hätten und ihr Glück versucht, und weiter vom Land gesegelt seien als je jemand zuvor, wollten sie nicht Urheber ihres eigenen Ruins sein, und diese Reise nicht fortsetzten.

Wer hat da gelauscht, als die Männer in ihren Verstecken tuschelten? Dann den Wortlaut aufgeschrieben? Fernando lässt die Männer noch mehr erzählen. Weil die Vorräte zur Neige gingen und die Schiffe schon Lecks aufwiesen, sei die Rückkehr gefährdet, und niemand könne sie tadeln, wenn sie umkehrten.

Und sie sagten, weil der Admiral ein Ausländer sei, ohne Rückhalt beim Hof, dessen Ansichten von vielen klugen und gebildeten Männern zurückgewiesen und kritisiert worden seien, würde niemand zu seiner Verteidigung reden.

So also sprachen die einen ...

Andere sagten, es sei genug geredet ...wenn der Admiral nicht umkehren würde, sollten sie ihn über Bord werfen und berichten, er sei aus Versehen über Bord gefallen, als er die Sterne beobachtete und niemand würde ihre Geschichte anzweifeln.

Der Aufstand der Kleinmütigen scheitert kläglich:

Der Admiral drohte manchmal mit guten Worten, ein andres Mal mit Todesmut jeden zu bestrafen, der die Reise behindern würde. So milderte er ihre Machenschaften und ihre Furcht.

Woher hat Fernando diese Erzählung? Nicht von seinem Vater.

Die Kolumbus-Version

Im DIARIO beklagten sich die Leute nur. Also war in der gemeinsamen Vorlage von Fernando und Las Casas keine Rede von einem regelrechten Komplott. Las Casas hatte keinen Grund, einen Vorfall dieser Art zu unterschlagen. Kolumbus auch nicht. In seiner CARTA von 1493 macht er aber keine Anmerkung in dieser Richtung. In seinen Briefen beklagt er sich immer wieder über diverse Anfeindungen. Aber es gibt keinen Hinweis auf einen Aufstand bei der Überfahrt. Nach Genua hat er gemeldet, die Mannschaft habe ihn gebeten, umzukehren. Antonio Gallo, Chronist in Genua:

Sie behielten ihren Kurs nach Westen viele Tage bei. Weder Inseln noch Land tauchten auf, obwohl sie nach seiner Schätzung 4.000 Meilen ab der Straße von Cadiz zurückgelegt hatten. Jetzt sank der Mut und die Furcht nahm zu, denn viele von seiner Mannschaft baten ihn, umzukehren, wenn die Vorräte knapp würden. Er selbst aber erklärte jetzt mit festem Geist & unverzagter Miene, er sei sich nach den bekannten und gesehenen Zeichen sicher, dass am nächsten Tag Land auftauchen würde.

Und die Quelle des Stadtschreibers Gallo?

Christophorus ... wie er danach in seinen Briefen schrieb.

Pietro Martire will sich mit Kolumbus unterhalten haben. Brief an Ascanio Sforza, 13. 9. 1493:

Sie reisten 33 Tage in Folge, mit genügend Wind und Wellen. Danach, vom Oberdeck des größten Schiffes aus, auf dem auch Colonus fuhr, riefen die Späher Land aus.

In keinem seiner zahleichen Briefe deutet
Pietro Martire ein Aufbegehren der Mannschaften an. Ein seltener Fall von Übereinstimmung im Quellgebiet der Kolumbuswissenschaft: Die Meuterei-Version stammt nicht von Kolumbus. Der hat aber in diesem Punkt nichts zu melden. Das große Unternehmen am Rande des Scheiterns, die abendländische Geschichte hält den Atem an, das lassen sich die dafür Zuständigen doch nicht durch den eigenen Mann kaputtmachen. Von den zitierten Autoren hält sich nur einer an die Worte des Admirals. Nämlich Fischer-Fabian in UM GOTT UND GOLD:

Die Meuterei auf der Santa Maria wurde später so berühmt, wie die Meuterei auf der Bounty. Der entscheidende Unterschied: Es hat sie nie gegeben ... Wäre es Meuterei gewesen, hätte Columbus in seinem Logbuch gewiss andere Worte gefunden.

Nacherzählung

Nach dem Ableben von Kolumbus fasste
Pietro Martire die Briefe für seine DECADAS zusammen, die 1516 zum ersten Mal im Druck erscheinen. Nun wartet er mit Neuigkeiten auf:

Von diesen Inseln
(Kanaren) ging Colonus immer nach Westen, wobei etwas nach Südwesten abwich, und segelte drei und dreißig Tage nur mit Wasser und Himmel um sich. Seine spanischen Mannschaften murrten zuerst heimlich, dann bedrängten sie ihn mit Geschrei und wollten ihn absetzen und planten schließlich, ihn ins Meer zu werfen. Sie sagten, sie seien von einem Ligurer betrogen worden, und ins Verderben geführt, aus dem es kein Zurück gibt. Am dreißigsten Tag, als sie wütend forderten, umzukehren und nicht weiter fahren wollten, beruhigte er die Männer mit gewinnenden und ermunternden Worten und vertröstete sie von Tag zu Tag. Er verkündete, es werde von der Königin als Verrat angerechnet, wenn sie etwas gegen ihn unternähmen und nicht gehorchten.

Da Martire die Quelle für diese Geschichte nicht nennt, bleibt nur der Schluss, dass sie inzwischen im Umlauf gekommen war. Offenbar entstanden und kursierten um 1515 dramatisierte Erzählungen. Bei der Fortschreibung gibt es kein Halten. Madariaga:

Dieser Ausländer, ein Visionär und Narr, fuhr mit ihnen in den Tod. Es musste etwas geschehen, und es war auch sofort klar, was man zu tun habe. Das Opfer brachte man nicht lange zu suchen. Die Reling der Karavelle war nicht sehr hoch und darunter lag das tiefe Meer, das das Geheimnis wohl wahren konnte.

Auch John Dyson belauscht die Matrosen.

Nach Hernandos Darstellung hörte das Murren den ganzen Tag nicht auf. Durch die dünnen Wände muss Columbus auf dem kleinen Schiff jedes Wort mitbekommen haben. Schon nach wenigen Meilen hockten die aufgebrachten Matrosen in Grüppchen zusammen und beratschlagten, wie man die Umkehr bewerkstelligen sollte.

Zvi Dor-Ner hat darüber nachgedacht, welche guten Worte Kolumbus vorgebracht haben könnte.

Am Mittwoch, dem 10. Oktober, hatten die Männer endgültig genug. Auf der Santa Maria brach eine allgemeine Meuterei aus ... Kolumbus spielte noch eine weitere Trumpfkarte aus: Nur er kenne sich gut genug mit den Windströmungen aus, um wieder nach Spanien zurückzukehren.

S. E. Morison zur Rolle der Pinzóns in ADMIRAL etc.:

Das ist meiner Ansicht nach passiert. Am 9. Oktober ... kamen Martín Alonso und Vicente Yánez an Bord und hielten eine mehr oder weniger stürmische Konferenz mit Columbus in dessen Kabine ab. Sie verlangten, die Suche nach Land aufzugeben und den Vorteil einer südlichen Brise wahrzunehmen, um die Heimfahrt anzutreten. Aber es gelang Columbus, unterstützt durch die Vögel, die Brüder zu überreden, noch drei Tage weiterzumachen und dann kehrten diese zu ihren Schiffen zurück.

Aber was ist mit der Meuterei? Morison:

Dann am 11. Oktober bei Sonnenaufgang beschleunigte der Wind die Flotte auf 7 Knoten, was die Befürchtungen der Mannschaft der Santa Maria neu erweckte, sie würden nie zurückkehren können. Daher das Aufflammen der Meuterei an diesem Tag.

Die Tainos auf den Inseln ahnen nicht, dass in ihrer Nähe wackere Matrosen drauf und dran sind, ihnen eine Schonfrist zu verschaffen. Alles steht auf der Kippe. Bleibt Amerika unentdeckt? Morison:

Columbus machte seinen Männern dieselben Versprechungen, die er den Pinzóns gemacht hatte, und bei Einbruch der Nacht war die letzte Gefahr vorbei, das große Unternehmen an der Schwelle zum Erfolg aufzugeben.

Welch Aufwand an Imagination.

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