Kolumbus und seine moderen Lobschreiber - begeisterte Biografen - Lichtgestalt
Der bislang größte Kolumbus mit riesigem Kreuz - bei Huelva
Im Licht der Verdienste

Vorab einige Feststellungen, die überwiegend an Hand der vom Hochgelobten hinterlassenen Schriftstücke belegt werden. Der spanische Expertenrat hat nicht bezweifelt, dass die Erde eine Kugel sei. Erst nach der zweiten Reise zitiert Kolumbus aus kosmografischen Schriften und der Bibel, und zwar um zu beweisen, dass er Asien erreicht habe. Bei der astronomischen Bestimmung der Breite hat er sich mehrfach um 20° geirrt. Als Kommandeur hat er sich immer wieder verirrt und mehr Schiffe verloren als alle Entdecker-Kollegen bis zu seinem Tod zusammen. Unter seiner Regierung begann die Versklavung der Tainos auf Haiti und das Massensterben durch Hunger, Selbstmord oder Gewaltanwendung. Die Großschreibung zu einem großen Gelehrten, Forscher und Seemann, gar einem Wegbereiter der Zivilisation ist bei diesem Sachstand natürlich literarische Schwerarbeit. Zwei Autoren sind durch ihre Bemühungen um den Ruhm ihres Entdeckers im 20. Jahrhundert selbst berühmt geworden. Samuel Eliot Morisons ADMIRAL OF THE OCEAN SEA, 1942, gipfelt in den Sätzen:

So wie die griechischen Stadtstaaten ihre unsterblichen Götter als ihre Gründer ansahen, so vereint sich heute ein Dutzend unabhängiger Nationen und Dominions, um CHRISTOPHER zu huldigen, den unerschrockenen Sohn Genuas, der die christliche Zivilisation über den Ozean trug.

Salvador de Madariagas VIDA DEL MUY MAGNIFICO SENOR DON CHRISTOBAL COLÓN, 1940, endet:

Die Lichtgestalt verschwand. Colón starb zum zweiten Mal. Doch er lebt für immer.

Etliche Bücher über Kolumbus wurden geschrieben, um wahlweise nachzuweisen, er sei Genuese, Spanier, Engländer oder Jude gewesen. Hinter derlei Reklamierungen steckt die Idee, der Hochgelobte habe sich Verdienste erworben. Durch welche Tat, lässt sich mit einem Griff in den Fundus abendländischer Selbstversicherungen klären:

Kolumbus hat Amerika bzw. eine Neue Welt entdeckt.

Also etwas, was die Einheimischen demnach bis dato übersehen hatten. Politisch korrekt lautet die Meldung: Im Herbst 1492 landeten ein paar Dutzend Spanier unter dem Kommando von Kolumbus auf einigen bewohnten Inseln, die einem Kontinent vorgelagert waren, von dessen Existenz man in Europa keine Ahnung hatte. Da sich die Landmasse beinahe vom Nordpol bis zum Südpol erstreckt, war ein Zusammentreffen mit ihr auf jedem Kurs zwischen NW und SW unvermeidlich. Ungleich schwieriger war es, die Lizenz und die Mittel für eine Westexpedition zu besorgen. Kolumbus war insofern erster, als sich andere vorher vergeblich darum bemüht hatten. Sicher ein Verdienst aus der Sicht aller, die nun am Handel mit Gold, Sklaven etc. verdienten und sich ohne Umstände Land aneignen konnten. Die Bewohner der zuerst eroberten Inseln hätten indessen ein paar Jahre länger gelebt, wenn die Krone Kolumbus nicht beauftragt hätte. Was den Tainos angetan wurde, schildern Pietro Martire,Sohn Fernando Colón
und Kolumbus selbst als tendenzielle Ausrottung. (Zitiert in Kapitel 16.) Die meisten neuzeitlichen Autoren, die diese Vorgehensweise zur Sprache bringen, entschuldigen sie verschwommen mit dem Walten eines damaligen Zeitgeistes und verzichten aufs Zitieren. Offenbar nach der Devise, einem großen Entdecker flickt man nicht mit kleinlichen moralischen Erwägungen am Zeug. Besonders logisch ist es indessen nicht, jemanden als Neurer zu feiern, der sich ohne Bedenken an herrschende Normen hält. Zeitgeist? In Briefen an den Papst und an die Krone schlug Kolumbus vor, mit dem ersehnten Gold einen Kreuzzug zu finanzieren. Das war er in etwa, der Zeitgeist. Er hat die Grausamkeiten nicht diktiert, sondern nur das größere Gute beigesteuert, um sie zu rechtfertigen.

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